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„Schlankheitsterror“ – globale Strategie gegen ein globales Problem
Prävention gegen ungesunde Körperideale ist nur mittels grenzüberschreitender Zusammenarbeit möglich.
Donnerstag, 22. Juli 2010
„Wir leben in einer vernetzten Welt“, sagt Wiens Frauengesundheitsbeauftragte Univ.-Prof.in Dr.in Beate Wimmer-Puchinger in einem aktuellen Zeitschriftenartikel: „Deshalb erfordert die Prävention von Essstörungen ein komplexes und globales Vorgehen.“ Sie hält eine Veränderung der soziokulturellen, gesellschaftlichen krank machenden Einflussfaktoren zur Stärkung des Selbstwerts und der Körperzufriedenheit für unumgänglich.
Erschreckende Ergebnisse
Eine ganze Reihe von Studien brachte in den vergangenen Jahren erschreckende Ergebnisse zur Körperzufriedenheit. Eine im Jahr 1996 durchgeführte Metaanalyse (dabei werden mehrere Studien zum gleichen Thema zusammengefasst und ausgewertet) von 222 Studien, die in den vergangenen 50 Jahren zu gender- und altersspezifischen Untersuchungen über Selbstzufriedenheit und Attraktivität durchgeführt wurden lieferte deutliche Ergebnisse: In sämtlichen Studien zeigen sich Mädchen und Frauen signifikant verletzlicher und unzufriedener mit ihrem Erscheinungsbild als Männer.
Auch Kinder können sich den medialen Körperbildern nicht entziehen: In einer Untersuchung an 213 neunjährigen Mädchen wurde bereits 1992 festgestellt, dass jedes dritte Mädchen den Wunsch hatte, dünner zu sein, und viele bereits eine Diät in Angriff genommen hatten.
Medialer Druck
Und eine bahnbrechende Arbeit aus dem Jahr 2004, die auf den Fidschi-Inseln durchgeführt wurde, bewies eindrucksvoll den Einfluss der Medien auf das weibliche Körperbild. Auf dieser Inselgruppe galten – vor der Einführung des Satellitenfernsehens – rundliche Körperformen als attraktiv und begehrenswert. Essstörungen waren unbekannt. Mit dem Satellitenfernsehen änderte sich dies drastisch: Sehr rasch wurden westliche Körperbilder zum Standard, und es traten erstmals Essstörungen wie Magersucht und Bulimie auf.
In Österreich gaben in einer Umfrage aus 1992, für die 718 Mädchen und 428 Burschen befragt wurden, 44 Prozent der Mädchen an, sie seien übergewichtig, obwohl dies nur auf sechs Prozent der Befragten zutraf. 52 Prozent der Mädchen hatten bereits eine Diät hinter sich – bei den Burschen waren es 14 Prozent. Und 89 Prozent der Mädchen waren mit ihrem Körper unzufrieden (65 Prozent der Burschen).
Bei erwachsenen Frauen ist die Situation nicht wesentlich anders. Eine Studie aus dem Jahr 2004, für die 656 Frauen im Durchschnittsalter von 47 Jahren befragt wurden, kam zu folgenden Ergebnissen: 82 Prozent der Frauen sahen ihr Idealgewicht unterhalb ihres aktuellen Gewichts, 83 Prozent waren m it ihren Körperproportionen unzufrieden und 82 Prozent hatten Angst, zu zu nehmen.
Essstörungen nehmen zu
Bei diesen Zahlen kann es nicht verwundern, dass Schätzungen von rund 200.000 Frauen und Mädchen ausgehen, die zumindest einmal in ihrem Leben an einer Essstörung leiden. Das Wiener Programm für Frauengesundheit setzt sich seit 1998 für die Prävention von Essstörungen ein. Die Präventionsmaßnahmen umfassen kostenlose und – auf Wunsch – anonyme Beratung an der Hotline für Essstörungen (0800 20 11 20), Email: hilfe@essstoerungshotline.at. Mehr als 20.000 Menschen nahmen dieses Hilfeangebot bisher in Anspruch.
Breites Programm
Seit 1999 wurde zudem – gemeinsam mit dem Wiener Stadtschulrat – ein umfassendes Netzwerk an Schulen aufgebaut, das mehr als 20.000 SchülerInnen bisher mit präventiven kostenlosen Maßnahmen betreffend Essstörungen informieren konnte. Darüber hinaus werden kostenlose Workshops für Lehrkräfte und SchulärztInnen und regelmäßige Elternabende abgehalten.
Mit der Initiative S-O-Ess setzt das Wiener Programm für Frauengesundheit regelmäßig Zeichen zur Prävention von Essstörungen und stellt ungesunde Körperideale immer wieder zur Diskussion. Und am 28. September 2010 findet die Konferenz „Der Kampf ums Gewicht – Körper und Gewicht im Spannungsfeld von Wirtschaftsinteressen, Gesellschaftsnormen, Public Health und Lebensstil im Wiener Rathaus statt. Beginn ist um 9 Uhr. Der Eintritt ist frei.
Mehr Vernetzung
Wiens Frauengesundheitsbeauftragte, Beate Wimmer-Puchinger, wünscht sich zusätzlich ein global vernetzteres und konzertierteres Vorgehen gegen ungesunde Körperideale und Essstörungen. „Wünschenswert wäre erst einmal eine Initiative auf EU-Ebene, die im Rahmen eines gemeinsamen Vorgehens Richtlinien für Wirtschaftskonzerne erarbeitet, um der rapiden Zunahme einer einseitigen, manipulierten und krank machenden Darstellung von Frauen und Mädchen entgegenwirkt.“ Außerdem sollten nationale Werberäte in diese Überlegungen mit einbezogen werden, um einen breiten Konsens bezüglich der Vermeidung von gesundheitsschädigender Werbung zu erreichen.
Weitere Informationen:
http://www.essstoerungshotline.at/ - die Website zur Essstörungshotline
http://www.s-o-ess.at/ - Initiative S-O-Ess gegen ungesunde Körperideale
http://www.ess-stoerungen.at/ - Informationsseite rund um Essstörungen
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