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ExpertInnen fordern Maßnahmen gegen dickmachende Lebenswelten
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Individuelle Verantwortung für das Körpergewicht scheitert an Umfeld, das Übergewicht fördert
Dienstag, 05. Oktober 2010
Gesellschaftliche Rahmenbedingungen, wirtschaftliche Interessen und notwendige Maßnahmen: zu diesem Problem diskutierten am 28. September 2010 mehr als 550 ExpertInnen bei der internationalen Tagung „Der Kampf ums Gewicht" im Wiener Rathaus.
„Die Debatte um eine Übergewichts-Pandemie in der westlichen Welt und die starke Medikalisierung des Themas Gewicht greifen zu kurz. Bei allen gesundheitlichen Problemen, die Übergewicht unbestritten mit sich bringt, dürfen wir nicht übersehen, welche vielfältigen wirtschaftlichen Interessen hier eine Rolle spielen", betont die Wiener Frauengesundheitsbeauftragte und Gastgeberin der Tagung a.o. Univ.-Prof.in Dr.in Beate Wimmer-Puchinger. „Einerseits wird viel Aufwand betrieben, auch ungesunde und dickmachende Lebensmittel optimal zu vermarkten, und andererseits haben ganze Industriezweige ein massives Interesse daran, dass wir mit unseren Körperformen unzufrieden sind und mit Unterstützung von Diätprodukten, Medikamenten oder chirurgischen Eingriffen einem vermeintlichen Schönheitsideal näher kommen."
Problematische Lebenswelten, die Übergewicht fördern – Nachhaltige Nahrungsmittelpolitik ist gefordert
„Die Nahrungsmittelindustrie ist eine der wichtigsten Industrien weltweit. Sie ist eng verbunden mit der Entwicklung neuer Lebensstile, insbesondere auch in aufstrebenden Volkswirtschaften", betonte bei der Wiener Konferenz die Public-Health-Expertin Univ.-Prof.in Dr.in Ilona Kickbusch (Bern). In den aktuellen Debatten um Ernährung und ihre gesundheitlichen Implikationen würden häufig wesentliche Facetten des Themas ausgespart, kritisiert die Expertin: „Die Epidemie des Übergewichts hängt zentral mit Lebenswelten zusammen, die das Übergewicht fördern. Darunter fallen die Zusammensetzung von Produkten, die stete Anregung zum Essen, die Portionsgrößen oder die verlockend süßen Getränke." Es genüge auch nicht, die gesundheitlichen Folgen des Essverhaltens zu betrachten, so Kickbusch: „Wir müssen zunehmend die Umweltlasten der Ernährungsweise mit in Betracht ziehen. So ist der hohe Fleischkonsum in den westlichen Industrieländen auch extrem Umwelt belastend."
In Sachen „dickmachende Lebenswelten" spiele auch der soziale Hintergrund eine wesentliche Rolle, betonte in Wien die australische Expertin Ass.-Prof.in Dr.in Jane Dixon (National Centre for Epidemiology and Population Health, Australian National University, Acton): „Unsere wissenschaftlichen Daten zeigen ganz klar, dass sozial benachteiligte Menschen ein höheres Übergewichts-Risiko haben. Unter solchen Bedingungen ist es weder sachlich richtig noch gerechtfertigt, Individuen ihr persönliches Gewicht vorzuwerfen."
Experte plädiert für Werbebeschränkungen -- Nahrungsmittelzusätze irritieren natürliches Sättigungsgefühl
Ein wichtiges Thema auf der Agenda der Konferenz im Wiener Rathaus ist die allgegenwärtige Werbung für Nahrungsmittel. Die aktuelle Entwicklung würde hier gesundheitspolitische Eingriffe durchaus rechtfertigen, so der Innsbrucker Internist und Ernährungsmediziner Univ.-Doz. Dr. Maximilian Ledochowski: „Aus Sicht von ErnährungsmedizinerInnen müsste eigentlich die Verführung zum vermehrten Konsum von Nahrung, in Analogie zur Zigarettenwerbung, eingeschränkt oder zumindest mit einer Gesundheitssteuer belegt werden, aus der die Behandlungskosten für Folgeschäden gedeckt werden könnten."
Doch nicht nur Vermarktungsstrategien, auch die Zusammensetzung vieler Nahrungsmittel sei problematisch, so der Experte: „Von Natur aus ist der Mensch mit einem ausgeklügelten Hunger-Sättigungs-System ausgestattet, das uns vor Fettleibigkeit schützt. Doch mit zunehmender Industrialisierung der Lebensmittelherstellung kommt es auch zu einer Zunahme krankhafter Adipositas." Denn durch Farbstoffe, Süßungs- und Säuerungsmittel, Geschmacksverstärker, Verdickungsmittel, künstliche Aromen oder neuerdings sogar Bitterrezeptorblocker werde dieser natürliche Regulationsmechanismus nachhaltig gestört, so Ledochowski.
Dicke Kinder vor dem Bildschirm – Jeder vierte Fernsehspot im Nachmittagsprogramm bewirbt Essen
„Es besteht ein kausaler Zusammenhang zwischen Fernsehen und Übergewicht", ist Mag. Winfried Moser, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Kinderrechte und Kindheitsforschung, überzeugt. „Die Wahrscheinlichkeit bei Kindern, übergewichtig zu werden, nimmt mit jeder zusätzlichen Stunde, die durchschnittlich pro Tag ferngesehen wird, um 20 Prozent zu."
Dabei dürfte nicht nur die Tatsache eine Rolle spielen, dass sich jugendliche Couch-Potatoes zu wenig bewegen. Auch die dabei konsumierte Werbung dürfte das kindliche Nasch- und Nahrungsverhalten beeinflussen. Moser präsentierte bei der internationalen Konferenz die Ergebnisse einer Untersuchung, in der die Werbezeit in den Nachmittagsprogrammen von vier TV-Sendern analysiert wurde. „Insgesamt wurden während 240 Stunden Monitoring etwa 25 Stunden Werbezeit gemessen und mehr als 4.000 Spots gezählt, in 1.135 Fällen Nahrungsmittelwerbung", berichtet Moser. „Solche Einflüsse müssen berücksichtigt werden, wenn wir Strategien für ein gesundes Ernährungsbewusstsein bei Kindern entwickeln."
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