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Internationale Konferenz „Der Kampf ums Gewicht“ war ein Riesenerfolg!

Über- und Untergewicht muss als gesamtgesellschaftliches Problem gesehen werden

Mittwoch, 13. Oktober 2010

Mehr als 550 TeilnehmerInnen lauschten den Vorträgen und diskutierten über Gewicht im Zusammenhang mit dem komplexen Ernährungssystem und der Problematik der verinnerlichten „perfekten und überschlanken“ Körperbilder und -ideale. „Weniger Übergewicht fördernde Lebenswelten“ forderten die Vortragenden anlässlich der Konferenz „Der Kampf ums Gewicht“, die am 28. September 2010 im Wiener Rathaus über die Bühne ging.



KampfumsGewichtTafel-kl„Der Kampf ums Gewicht“ muss als gesamtgesellschaftliches und nicht als individuelles Problem verstanden werden, lautete der Tenor bei der Konferenz.Weltweit nehmen sowohl (extremes) Übergewicht als auch Essstörungen zu. Medien, DiätanbieterInnen, aber auch die Nahrungsmittelindustrie tragen wesentlich zur ungesunden Sicht auf den eigenen Körper bei. Nur etwa 40 Prozent der Männer und 42 Prozent der Frauen in Österreich gelten als normalgewichtig. Das ist dem ersten österreichischen Adipositasbericht aus dem Jahr 2006 zu entnehmen. Gleichzeitig nehmen Essstörungen, wie Magersucht, Bulimie und Binge Eating Disorder immer weiter zu. „Einerseits ist unbestritten, dass massives Übergewicht das Risiko für zahlreiche Erkrankungen erhöht“, sagte Wiens Gesundheitsstadträtin Maga Sonja Wehsely im Vorfeld der Konferenz: „Aber anderseits können Ernährungs- und Gesundheitsempfehlungen zu einer übermäßigen Beschäftigung mit dem Gewicht und zu einem verkrampften und gesundheitsschädigenden Verhältnis zum eigenen Körper führen.“


Alarmistische Diskussion

Von einer „immer stärker alarmistisch geführten Diskussion rund um das Thema Übergewicht“, sprach die Frauengesundheitsbeauftragte Wiens, Univ.-Profin Drin Beate Wimmer-Puchinger, Gastgeberin der Konferenz: „Bei allen gesundheitlichen Problemen, die Übergewicht unbestritten mit sich bringt, müssen wir auch kritisch analysieren, wer ein wirtschaftliches Interesse daran hat, dass wir uns ständig mit unserer Körperform beschäftigen“, gab Wimmer-Puchinger zu bedenken.

 

Unsinniges „Idealmaß“

Immerhin hat eine ganze Reihe von Industriezweigen massives Interesse an weit verbreiteten Sorgen um das Körpergewicht. Damit soll und wird Bedarf an Angeboten zur Gewichtsreduktion und Körperveränderung nach Bedarf kreiert. Aber auch Modeindustrie, Werbung und Medien tragen erheblich zum Problem mit dem Gewicht bei. In der Modeindustrie gilt etwa noch immer ein „Idealmaß“ von 90-60-90 – dieses Maß erreichen nur sechs von 10.000 Frauen – und das ist auch nicht verwunderlich: Ein Taillenumfang von 60 cm entspricht dem eines neunjährigen Kindes.

 

Lebenswelten, die Übergewicht fördern

Auch die Nahrungsmittelindustrie ist gefordert, ihren Beitrag zu einem gesunden Gewicht zu leisten: Profin Drin Ilona Kickbusch, die  international renommierte Public-Health-Expertin aus Bern: „Die Nahrungsmittelindustrie ist eng verbunden mit der Entwicklung neuer Lebensstile“, so Kickbusch: „Die Epidemie des Übergewichts hängt zentral mit Lebenswelten zusammen, die Übergewicht fördern.“ Darunter subsumiert Kickbusch etwa die Zusammensetzung von Produkten, die stete Anregung zum Essen, die Portionsgrößen oder die verlockend süßen Getränke. Neben der Gesundheitsbelastung für den einzelnen, regte Kickbusch auch an, die Umweltlasten von Ernährungsweisen in Betracht zu ziehen: So würde etwa der hohe Fleischkonsum in den westlichen Industrieländern auch extrem umweltbelastend sein.

 

Stigmatisierung nimmt zu

Auch die sozialen Umstände, unter denen Menschen leben, spielen eine entscheidende Rolle, wenn es um Übergewicht geht: „Sozial benachteiligte Menschen haben ein höheres Risiko für Übergewicht“; sagte etwa Profin Drin Jane Dixon vom National Centre for Epidemiology and Population Health in Australien. Und sie stellte die gesellschaftspolitische Dimension des Körpergewichts in den Mittelpunkt: „Unter schlechten sozialen Bedingungen ist es weder sachlich richtig noch gerechtfertigt, Individuen ihr persönliches Gewicht vorzuwerfen.“
Dennoch nimmt die Stigmatisierung von übergewichtigen Menschen immer stärker zu. „Die Missachtung de Vielfalt und der Zwang zur Konformität von Körpern hat inzwischen bedenkliche Ausnahme angenommen“, sagte die Gesundheitspsychologin Maga Michaela Langer vom Wiener Programm für Frauengesundheit in ihrem Vortrag: „Inzwischen hat das, was ursprünglich von gesundheitlichen Überlegungen ausging, die Dimension eines regelrechten ästhetischen Diktats erreicht.“

 

„Ich bin zu dick!“

Welche Folgen die Diskriminierung und Stigmatisierung von Menschen mit Übergewicht zeigt, belegt eine Studie der Universität Jena: 42 Prozent der befragten SchülerInnen empfanden sich laut dieser Studie als übergewichtig, obwohl dies objektiv bei nur acht Prozent tatsächlich der Fall war. Und im aktuellen deutschen Kinder- und Jugendgesundheitssurvey KiGGS hält sich die Hälfte der normalgewichtigen Mädchen für zu dick, bei den Buben ist es immerhin rund ein Viertel. „Die Angst der Mädchen vor sozialer Ausgrenzung ist durchaus real, da Studien zufolge bereits Kindergartenkinder übergewichtige Kinder als Freunde ablehnen“, fasst Wimmer-Puchinger aktuelle wissenschaftliche Einsichten zusammen.

 

An Unzufriedenheit verdienen

Kein Wunder also,  dass einschlägigen Untersuchungen zufolge adipöse Mädchen ein signifikant verringertes Selbstwertgefühl haben. Wimmer-Puchinger: „An dem Teufelskreis von geringem Selbstwert, gestörtem Essverhalten, Misslingen von Gewichtsreduktionsversuchen, ständiger Rückmeldung der Abweichung vom Schlankheitsideal und weiterem Absinken des Selbstwertgefühls bis hin zur Depression verdient ein unüberschaubar gewordener Markt.“ Die pauschale Stigmatisierung bringe auch eine andere Gefahr, so die Expertinnen: Wird Schlankheit überidealisiert, dann beginnt auch der Einstieg in rigide Gewichtskontrolle und Diäten immer früher. Diese frustrierende ständige Arbeit am Gewicht kann sowohl zu Übergewicht durch Fressattacken als auch zu bulimischen und anorektischen Symptomen führen.

 

Dem „Schönheitsideal“ entkommen

Wie aber können Frauen und Mädchen den ungesunden – von Industrie, Werbung, Modeindustrie und Werbung vorgegeben „Schönheitsidealen“ entkommen? „In den Medien sollen wieder vielfältige Körperformen und keine digital bearbeitete Bilder gezeigt werden. Weg vom mageren Einheitskörper!“, forderte etwa Michaela Langer. „Außerdem sollte von undifferenzierten Diätempfehlungen, Stigmatisierung und Diskriminierung übergewichtiger Menschen abgegangen werden. Denn das erhöht nur krankmachenden Druck!“ Auch die Wirtschaft muss in die Arbeit an gesunden Lebens- und Umwelten miteinbezogen werden, so das Fazit der KonferenzteilnehmerInnen.


Eine Nachlese zur Konferenz „Der Kampf ums Gewicht finden Sie unter folgendem Link:
http://www.frauengesundheit-wien.at/konferenz/Der_Kampf_ums_Gewicht/

 

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