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Enquete
900 ExpertInnen bei internationaler Tagung zum Thema Essstörungen in Wien
ExpertInnen warnen: 90 Prozent der jungen Mädchen mit ihrem Körper unzufrieden
Wien, 26. Februar 2007 - Die interdisziplinäre Zusammenarbeit und der fachliche Austausch
standen im Mittelpunkt der Veranstaltung am 26. Februar 2007, die das Wiener Programm für
Frauengesundheit in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Universität Wien organisierte. 900
ExpertInnen aus ganz Österreich nahmen an der Veranstaltung teil und zeigten durch das enorme
Interesse, dass das Thema Essstörungen nach wie vor - leider - aktuell ist.
Bis zu zwei Prozent der Frauen zwischen 15 und 35 Jahren in Europa und Nordamerika leiden an
klinisch ausgeprägter Anorexie ("Magersucht"), bis zu 15 Prozent dieser Gruppe zeigen Symptome von
Vorstadien gefährlicher Essstörungen wie Anorexie oder Bulimie ("Ess-Brechsucht"). Zunehmend häufig
wird auch die Binge-Eating-Disorder (BED - "Fresssucht") beobachtet. Während bei Anorexie und
Bulimie auf neun betroffene Frauen ein Mann kommt, liegt dieses Verhältnis bei der BED bei 1,5 zu
1. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen zur Entstehung, Prävention und Therapie von
Essstörungen standen auf der Agenda der "4. Wiener Essstörungsenquete" im Wiener Rathaus. Mit 900
TeilnehmerInnen ist die Tagung der größte deutschsprachige Kongress zu diesem aktuellen Thema.
Prof. Susie Orbach: Gefährlicher "Krieg gegen das Übergewicht" - Diäten sind "Eintrittskarte" zu Essstörungen
Eine der prominentesten TagungsreferentInnen, Prof. Susie Orbach (London School of
Economics), die unter anderem als Essstörungs-Therapeutin von Lady Di international bekannt wurde,
geht scharf mit gängigen Schlankheitsidealen ins Gericht. "Der weltweit ausgerufene Krieg gegen das
Übergewicht fordert enorm viele Opfer. Immer mehr Menschen hassen ihren Körper", so die engagierte
Psychotherapeutin. Es sei verantwortungslos, dass öffentlich unterstütze Kampagnen und die
medizinische Community den Diät-Wahn auch noch förderten, sagt Prof. Orbach: "Diäten sind nicht nur
völlig sinnlos, weil sie einschlägigen Untersuchungen zufolge bei 97 Prozent der Abnehmwilligen zu
neuerlichen Gewichtszunahmen und neuerlichen frustrierenden Diät-Versuchen führen. Sie sind auch
die Eintrittskarte zu Essstörungen unterschiedlichster Art."
Wesentlich mit verantwortlich für die Unzufriedenheit vor allem vieler Frauen mit dem eigenen
Körper und der damit einher gehenden Gefährdung, ein problematisches Essverhalten zu entwickeln,
sind vor allem medial transportierte unrealistische Schönheitsideale, die extreme Schlankheit zum
Prinzip der Körperästhetik erheben. Wie sehr diese beeinflussen können, habe besonders
eindrucksvoll die so genannte Fidji-Studie gezeigt, betont Prof. Orbach. Auf der Pazifik-Insel
konnte erst ab 1995 Fernsehen empfangen werden. Innerhalb von drei Jahren danach, so zeigte eine
Untersuchung von Prof. Anne Becker von der Harvard-Universität, entwickelten zwölf Prozent der
heranwachsenden Mädchen Symptome von Bulimie - einer bis dahin auf der Insel völlig unbekannten
Erkrankung. "Es gelingt uns tatsächlich, Unsicherheit über das eigene Erscheinungsbild und
Körperhass zu einem wesentlichen Exportartikel der westlichen Welt zu machen", kritisiert Prof.
Orbach.
Mütter geben Essstörungen an Kinder weiter
"Mädchen und Frauen beschäftigen sich heute ein Leben lang mit der Frage, ob ihre Körpermaße
den Idealbilder entsprechen - von Fünfjährigen, die ihren Popidolen nacheifern, über junge Mütter
bis hin zu immer mehr älteren Frauen", beobachtet Prof. Orbach. Besondere Sorge bereitet ihr die
Tatsache, dass problematisches Essverhalten häufig von Müttern an ihre Kinder weitergegeben wird.
"Ein Extrem ist hier sicher der zuletzt unter Prominenten zu beobachtende Trend, in der 36.
Schwangerschaftswoche einen selektiven Kaiserschnitt einzuleiten, um weniger zuzunehmen und rascher
wieder schlank zu werden", kritisiert Prof. Orbach. "Aber auch in weniger ausgeprägten Formen stört
die ständige Beschäftigung einer jungen Mutter mit ihrem Gewicht die Entwicklung eines natürlichen
Ernährungsverhaltens beim Nachwuchs, Kinder wachsen von Anfang an mit völlig verwirrten Konzepten
von Appetit und dessen Befriedigung heran."
Dr. Wardetzki: Angehörige zwischen Co-Abhängigkeit und Resignation
Schwierig in der Bewältigung sind Essstörungen nicht nur für die Betroffenen selbst, auch für
Angehörige stellen sie eine enorme Belastung dar. Wobei zunächst oft Verleugnung und Verheimlichung
dominante Elemente sind, weiß Dr. Bärbel Wardetzki, Psychotherapeutin in München, die sich intensiv
mit Angehörigen von Essstörunges-Erkrankten beschäftigt. "Bis die Angehörigen von der Krankheit
erfahren, können Jahre vergehen, in denen die Schwester oder Tochter ihre Eß-Brechanfälle oder ihre
Essensverweigerung geheim hält", weiß Dr. Wardetzki aus Erfahrung. Die mangelnde Information vieler
Eltern über derartige Erkrankungen sei nur eine Ursache für die späte Thematisierung des Problems
in der Familie, so die Expertin: "So wie die Süchtigen lange Zeit ihre Krankheit vor sich und den
anderen verleugnen, tun es auch die Angehörigen, wenn sie einen Verdacht hegen. Oft sind es Angst
und Hilflosigkeit und der Wunsch nach einer heilen Familie und Partnerschaft, die sie wegschauen
lassen. Doch diese Haltung verstärkt die Essstörung noch mehr."
Fatal in der Beziehung zwischen Betroffenen und Angehörigen sei auch das verbreitete Phänomen
der so genannten Co-Abhängigkeit, betont die Münchner Therapeutin: "Angehörige entwickeln dabei die
Tendenz, das eigene Tun von der erkrankten Person abhängig zu machen und sich nur noch auf die
Erkrankung zu konzentrieren. Eigene Wünsche und Bedürfnisse werden zurück gestellt. Diese
Hinwendung kann ihrerseits süchtigen Charakter annehmen, wenn die helfende Person nicht mehr
aufhören kann zu helfen und sich dem oder der Kranken so verbunden fühlt, dass sie nicht mehr
loslassen kann."
Prof. Beate Wimmer-Puchinger: Prävention muss auch positive Körperwahrnehmung stärken
Wie wichtig Präventions- und Aufklärungsinitiativen zu fatalen, unerreichbaren Körperidealen
und Essstörungen sind, unterstreicht auch die Wiener Frauengesundheitsbeauftragte Prof. Beate
Wimmer-Puchinger anhand aktueller Erhebungen aus der Bundeshauptstadt. Für geschätzte 2.000 Mädchen
besteht in Wien akutes Anorexie- oder Bulimie-Risiko. Österreich weit gehen ExpertInnen davon aus,
dass 200.000 Frauen zumindest einmal in ihrem Leben an einer Essstörung erkranken. Mit dramatischen
Konsequenzen: Magersucht etwa hat mit 18 Prozent nach 20 Jahren die höchste Sterblichkeitsrate
aller psychischen Erkrankungen, Anorektikerinnen zwischen 15 und 24 Jahren haben internationalen
Daten zufolge ein zwölfmal höheres Mortalitätsrisiko als gesunde Gleichaltrige .
Mit ein auslösender Faktor ist die enorm kritische Sichtweise des eigenen Körpers. 90 Prozent
der Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren und 80 Prozent der erwachsenen Frauen, so zeigten zwei Wiener
Untersuchungen, sind mit ihren Körperproportionen unzufrieden, 82 Prozent der Mädchen und Frauen
haben Angst davor, an Gewicht zuzulegen, berichtet Prof. Wimmer-Puchinger. Wobei solche Sorgen
völlig unabhängig von der Realität sind: "52 Prozent der Mädchen haben schon einmal eine Diät
gemacht, ohne tatsächlich übergewichtig zu sein", so die Frauengesundheitsbeauftragte. In
amerikanischen Studien sind es sogar 70 Prozent der Schülerinnen. "15 Prozent der jungen Frauen
gaben auch an, schon absichtlich erbrochen zu haben, um ihr Gewicht zu verringern." Entsprechend
häufig stehen bei Diäten nicht gesundheitliche Überlegungen im Mittelpunkt, wie eine im Februar
2007 veröffentlichte Umfrage im Auftrag der Stadt Wien gezeigt hat: 59 Prozent der befragten
Frauen, die bereits mindestens eine Diäterfahrung gemacht haben, gaben als Motiv an "um attraktiver
zu sein", für 56 Prozent ging es darum, "das Selbstwertgefühl zu steigern."
Ein wichtiger Ansatz in der Prävention der gefährlichen Erkrankung sei es daher, so Prof.
Wimmer-Puchinger, vor allem bei jungen Frauen im Schulalter Risikofaktoren zu minimieren und
schützenden Faktoren zu stärken. Eine Studie der kanadischen Psychologin Prof. Niva Piran,
University of Toronto, hat erst kürzlich gezeigt, dass systematische Präventionsprogramme in
Schulen, die nicht nur auf Informationsweitergabe setzen, sondern vor allem auch auf eine
Einstellungsänderung über Peer-Gruppen-Arbeit, besonders nachhaltigen Erfolg zeigen.
Wien seit Jahren aktiv
Dass die aktuelle internationale Tagung in der österreichischen Bundeshauptstadt stattfand,
ist kein Zufall. Wien ist in Sachen Prävention von Essstörungen seit 1998 aktiv und startete als
erste europäische Stadt im Rahmen des Frauengesundheitsprogramms eine umfassende Initiative zu
diesem Thema. Seit Jahren erfolgreich ist die kostenlose anonyme Hotline 0800 20 11 20 für
Betroffene und Angehörige, über die bereits mehr als 13.000 Personen persönlich beraten wurden.
Darüber hinaus wurde ein umfassendes Netzwerk mit Schulen aufgebaut, über das mehr als 20.000
SchülerInnen erreicht und informiert werden konnten. Erst kürzlich wurde die Initiative "S-O-Ess"
ins Leben gerufen, eine gemeinsame Initiative von Politik, Mode und Werbung zur Förderung des
Verantwortungsbewusstseins in Sachen Schlankheitsvorbilder.
Kontakt
Betrifft: Internationaler Kongress Essstörungen
Dr. Birgit Kofler-Bettschart
B&K - Bettschart&Kofler Medien- und Kommunikationsberatung GmbH
A-1090 Wien, Porzellangasse 35 Top 3
Tel.: +43-1-319 43 78*0; Fax: +43-1-319 43 78*20;
e-Mail:
kofler@bkkommunikation.at
www.bkkommunikation.at
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